Unterkühlung - der Tod im Wasser

Trockenanzug
Trockenanzug

Der Zweck dieses Ratgebers ist es, die Gefahren der Unterkühlung im Wasser, die das Leben bedrohen können, zu untersuchen und Ratschläge zu geben, wie derartige Gefahren vermeiden oder so gering wie möglich gehalten werden können.

Der Untergang der TITANIC im Jahre 1912 lieferte auf dramatische Weise ein Beispiel für die Auswirkungen eines Aufenthaltes im kalten Wasser. Alle Personen, die sich zum Zeitpunkt des Untergangs im Wasser befanden, sind an Unterkühlung gestorben - fast alle Personen, die sich in Rettungsbooten aufhielten, überlebten.

Untersuchungen haben gezeigt, dass eine normal gekleidete Person in unbewegtem Wasser mit einer Temperatur von 5° C nur eine 50 Prozentige Chance hat, eine Stunde zu überleben. Einfache Methoden der Selbsthilfe können helfen, diese Zeitspanne zu verlängern, insbesondere dann, wenn die betroffene Person einen entsprechenden Kälteschutz trägt!

Auch wenn viele Kanuten so paddeln, sei es hier einmal in aller Deutlichkeit gesagt: Eine Fleecehose und Regenjacke sind definitiv KEINE Kälteschutzbekleidung beim Kajakfahren! Im Frühjar, Herbst und Winter und auf Großgewässern ist so eine Bekleidung lebensgefährlich!

Ihr Körper

Stellen Sie sich Ihren Körper als einen inneren Kern mit einer äußeren Hülle vor, innerhalb dieses Kerns erzeugt Ihr Körper aufgrund normaler Körperfunktionen, wie z. B. Bewegung oder Verdauungstätigkeit, viel Wärme. Die Natur verlangt eine Idealtemperatur von 37° C im Innern des Körpers. Ein weitverzweigtes Netz von Blutgefäßen durchläuft den Kern und die äußere Hülle Ihres Körpers, wobei die von einer „Heizung“ im Innern erzeugte Wärme aufgenommen und über den ganzen Körper verteilt wird. Ein akkurates Regulierungssystem ist für die Aufrechterhaltung einer konstanten Temperatur im Körperinnern verantwortlich.

Aber dieser Regulierungsmechanismus funktioniert naturgemäß nur innerhalb gewisser Grenzen – es gibt also äußere Temperaturbedingungen, unter denen Ihr Körper zur Aufrechterhaltung der von der Natur gewählten Körpertemperatur von 37° C Unterstützung benötigt. Diese Hilfe müssen Sie ihm geben, indem Sie sich richtig verhalten und die richtige Schutzkleidung tragen.

 

Wärmeverlust

Wärmeleitung

Hierbei wird die Wärme über direkten Kontakt mit kaltem Wasser oder anderen Medien übertragen - Wärme geht von Ihrem Körper, der eine verhältnismäßig hohe Temperatur besitzt, an einen Stoff niedrigerer Temperatur über.

Einige Stoffe oder Materialien sind bessere Wärmeleiter als andere, die Wärmeleitfähigkeit von Wasser ist um Vielfaches höher (Faktor ca. > 25!) als die von Luft. Aus diesem Grund ist es wichtig den Körper trocken zu halten!

Wärmeströmung

Es handelt sich hier um den Abtransport von Wärme über Luft- und Wasserströmungen. Bewegte Luft empfindet der Körper als wesentlich kühler als unbewegte Luft Die Abkühlung durch Wind wird als Wind-Chill-Effect bezeichnet. In ähnlicher Weise hat bewegtes Wasser in der Umgebung Ihres Körpers eine größere Kühlwirkung als stehendes Wasser der derselben Temperatur. Aus diesem Grund ist mindestens eine wind- und wasserdichte Paddeljacke Pflicht!

 

Unterkühlung

Der Verlust an Körperwärme stellt eine der größten Gefahren für das überleben im Wasser dar - wie schnell dieser Verlust vonstatten geht, ist abhängig von der Wasser- und Lufttemperatur, Windgeschwindigkeit, Seegang, der Verweildauer im Wasser, der angelegten Schutzkleidung, dem Körperbau des Betroffenen und seinem Verhalten im Wasser.

Eine anomal niedrige Körpertemperatur lässt sich an einer Reihe von Symptomen erkennen.

  • In einem sehr frühen Stadium des Aufenthaltes im Wasser versucht der Körper, den übermäßigen Wärmeverlust durch eine Verengung seiner Blutgefäße an der Oberfläche (zur Verminderung der Wärmeübertragung über das Blut zur Hautoberfläche) durch Kältezittern (zur Erzeugung von mehr Körperwärme) entgegenzusteuern.

Ist die Kältewirkung jedoch schwerwiegend, so ist der Körper nicht mehr in der Lage, ausreichend Wärme zu speichern oder zu erzeugen.

Die Körpertemperatur im Innern beginnt zu sinken - unterschreitet sie 35° C, so leidet der Mensch an Unterkühlung.

  • Bis zu diesem Zeitpunkt haben sich Unwohlsein, Müdigkeit, schlechtes Koordinationsvermögen, ein Gefühl der Taubheit, Beeinträchtigung des Sprachvermögens, Desorientierung und geistige Verwirrung deutlich ausgeprägt.
  • Sinkt die Körperinnentemperatur unter 31° C, kann es zu Bewusstlosigkeit kommen, Muskelsteifigkeit tritt an die Stelle des Kältezitterns und es kann zu einer Erweiterung der Pupillen kommen.

    Der Herzschlag ist unregelmäßig und schwach, der Puls ist kaum spürbar, der Tod kann in jedem Stadium der Unterkühlung eintreten. Wenn die Temperatur 30° C unterschreitet, ist es sehr schwierig, eindeutig zu bestimmen, ob die Person noch lebt oder bereits tot ist.

Tod durch Unterkühlung wird dann definiert als der erfolglose Versuch der Reanimation durch Wiedererwärmen.

 

Schutz vor Unterkühlung

 Im Kajaksport kann man sich relativ einfach vor der Unterkühlung schützen, entweder man geht bei kaltem Wasser nicht mehr paddeln oder man trägt einen Wassersportgerechten Kälteschutz:

Eine Fleecehose und Regenjacke sind definitiv KEINE Kälteschutzbekleidung beim Kajakfahren!

  • Eine entsprechende Kälteschutzbekleidung besteht mindestens aus langärmligen Neopren oder Aquashell und wer auch im Winter oder Frühjahr auf Großgewässern unterwegs ist kommt um einen Trockenanzug nicht herum!
  • Ein Drittel der Wärme verliert der Mensch über Kopf und Hals, eine entsprechende Kopfbedeckung (Mütze oder Sturmhaube/Balaklava) ist also nötig!
  • Jeder kennt die vor Kälte starren Hände mit denen nicht mehr zugegriffen werden kann. Handschuhe oder Paddelpfötchen sind also auch wichtig!
  • Die Auskühlung durch den Wind ist nicht zu unterschätzen (siehe auch unter Windchill)

 

Verhaltensregeln während des Notfalls

Was ist zu tun, wenn man ohne genügenden Kälteschutz im Wasser landet?

  • Versuchen Sie, Ihre Verweildauer im Wasser zu verkürzen! Bedenken Sie, dass Sie Körperwärme um ein Vielfaches schneller im Wasser verlieren als in der Luft.

    Wenn es Ihnen gelingt, aus dem Wasser zu gelangen, schützen sie sich so gut wie Möglich gegen weitere Auskühlung durch den Wind! Wichtig ist auch das Vorhandensein einer Rettungsdecke, man kann sich auch eine Mülltüte nehmen, die Aussparungen für Kopf und Arme enthält. So können Sie dem Wind-Chill wirksam entgegenwirken!

  • Sobald Sie sich im Wasser befinden, orientieren Sie sich und versuchen Sie, andere Personen oder sonstige schwimmende Gegenstände auszumachen. Falls Sie vor der Kenterung keine Gelegenheit hatten, sich darauf vorzubereiten, schließen Sie Ihre Kleidung und behalten Sie Ihre gesamte Kleidung inklusive Schuhzeug zum Schutz gegen Unterkühlung an.
  • Sie müssen jetzt schnell handeln, bevor Ihre Hände infolge der Kälte nicht mehr voll einsatzfähig sind, schließen Sie Ihre Kleidung und aktivieren Sie Ihre Rettungsweste.
  • Versuchen Sie nicht zu schwimmen, Ihre Rettungsweste trägt Sie mit einer sehr großen Sicherheitsauftriebsreserve - es sei denn, es dient dem Zweck, ein Fahrzeug, eine Person oder im Wasser schwimmende Gegenstände in der Nähe zu erreichen.

    Unnötiges Schwimmen pumpt warmes Wasser aus dem Bereich zwischen Ihrem Körper und den Bekleidungsschichten heraus, dadurch beschleunigt sich der Wärmeverlust, außerdem transportieren unnötige Arm- und Beinbewegungen warmes Blut aus dem Kern zu den Extremitäten und somit zu den äußeren Körperteilen.

  • Die Körperhaltung, die Sie im Wasser einnehmen, ist auch für den Wärmeerhalt sehr wichtig. Versuchen Sie, so ruhig wie möglich im Wasser zu treiben - mit geschlossenen Beinen, die Ellbogen seitlich angelegt und die Arme vor der Weste gekreuzt. Diese Haltung verringert den Kontakt zwischen Körperoberfläche und kaltem Wasser auf ein Minimum.

    Versuchen Sie, Kopf und Nacken über Wasser zu halten.

  • Bleiben Sie mit anderen im Wasser schwimmenden Personen eng zusammen und umarmen Sie sich möglichst in Gruppen zu dritt. Hierdurch wird der Wärmeabstrom von der Körperoberfläche wesentlich verringert und somit Wärme erhalten.

 

Gefahren während und nach der Rettung

Das Phänomen des Afterdrop
Die Auskühlung des Körpers erfolgt zeitversetzt von außen nach innen. Nach der Bergung des Unterkühlten ist der Körperkern weiterhin dem Einfluß der umgebenden kälteren Gewebeschichten (Muskulatur, Fettgewebe) ausgesetzt, obwohl die Temperatur der Haut bereits wieder ansteigt. Die Kerntemperatur wird also zunächst weiter absinken. Dabei kann die Unterkühlung das nächstschwerere Stadium erreichen, besonders wenn durch Bewegungen kaltes Schalenblut in den Kern strömt.
Kammerflimmern

Desynchronisation der Herzmuskelfasern, jede Faser zuckt für sich, es kann kein Blut in die größeren Arterien gepumpt werden, faktisch ein Herzstillstand. Je niedriger die Kerntemperatur, desto größer die Gefahr des Kammerflimmerns.

Mechanische oder thermische Reize (Bewegungen, Einstrom kalten Schalenblutes, Einflößen heißer Getränke) können jederzeit Kammerflimmern auslösen und somit eine sofortige Reanimation notwendig machen.

Wiedererwärmungsschock
Die unphysiologische Verteilung des Flüssigkeitsvolumens spielt solange keine Rolle, wie die kältebedingte Gefäßverengung in der Peripherie andauert. Wird jedoch die Haut erwärmt, so weiten sich die Adern und schlucken große Blutmengen, die dem Körperkern plötzlich fehlen. Es kommt durch die Minderdurchblutung lebenswichtiger Organe (Gehirn, Herz, Niere) zur Ausbildung eines lebensbedrohlichen Zustandes der nur durch rasche Auffüllung des Gefäßsystems (Infusion sog. „Plasmaexpander“) beherrscht werden kann.

 

Behandlungsgrundsätze unabhängig vom Schweregrad

Raus aus der Kälte (dem Wasser), Raus aus der Nässe (Cockpit lenzen), Raus aus dem Wind. Ärtztliche Hilfe!

  • Keine Bewegung, jedenfalls keine aktive Bewegung des Unterkühlten zulassen: Muskelkontraktionen wirken als Blutpumpe und lassen kaltes Schalenblut in den Kern strömen. Manipulationen am Unterkühlten auf das Nötigste beschränken.
  • Nicht rubbeln, frottieren oder massieren! Die unterkühlte Haut ist thermisch und mechanisch extrem empfindlich und reagiert mit dauerhaften Gewebeschäden. Keine Wärmequelle direkt auf die Haut (Verbrennungsgefahr).
  • Keine unnötige Erwärmung der Körperschale, Gefahr des Wiedererwärmungsschocks - Haut lediglich vor weiterer Auskühlung durch Wind etc. schützen.
  • Talking down: Erleben und Verhalten des Unterkühlten ist irrational und unberechenbar - nicht aus den Augen lassen. Beharrlich beruhigendes Zureden.
  • Durchhalten: Gilt für Retter und Opfer! Wiederbelebung und -erwärmung keinesfalls zu früh aufgeben, kann Stunden dauern.

 

Behandlungsmethoden abhängig vom Schweregrad

Im Zweifel den Unterkühlten immer in ärztliche Behandlung geben!

  • Atmung und Puls kontrollieren, bei Bewusstlosen Schmerzreize auslösen. Wiederbelebeung hat Vorrang vor Wiedererwärmung.
  • Windschutz aufsuchen, nasse Kleidung entfernen und Haut trockentupfen, Körper isolieren (Decke, Schlafsack, Folie).
  • Bei leichter bis mittelschwerer Unterkühlung: passive externe Wiedererwärmung, d.h., Wärmegewinn durch körpereigene Wärmeproduktion, äußerlich nur Schutz vor weiterer Auskühlung (Temperaturgewinn durch Kältezittern 1° C pro Stunde). Vorraussetzung: Opfer fängt unmittelbar nach der Rettung an zu zittern.
  • Nur bei erhaltenem Bewusstsein stark gesüßte, warme - nicht heiße - Getränke zuführen, keinesfalls Kaffee, Alkohol oder mit Alkohol versetzte Getränke verabreichen (Vorsicht: Herzkammerflimmern).
  • Falls Kältezittern ausbleibt: (tiefe Kerntemperatur, erschöpfte Glycogenreserven, Krankheit) aktive externe Wiedererwärmung mit Hilfe von Wärmflaschen, feuchtwarmen Tüchern, die dem Opfer - mit Tuch o. ä. zwischen Haut und Wärmequelle - auf den Torso gelegt werden.
  • Andere Möglichkeit: mit Unterkühltem zusammen nackt in den Schlafsack, Extremitäten keinesfalls mit erwärmen, Wärmegewinn ca. 2° C pro Stunde.
  • Gefahren: durch Wiedererwärmen der Körperschale Blutdruckabfall und Schockgefahr, Kältezittern wird unterdrückt.
  • In jedem Fall günstig ist das Einatmen von warmer, feuchter Luft (Wasserdampf).
  • Grundsätzlich immer Krankenhauseinweisung veranlassen.
  • Lückenlose Beobachtung von Puls, Pupillen und Atmung bis Unterkühlter in professionellen Händen!!!