Mit dem Kajak in der Hardangervidda - Norwegen

Sommer in Deutschland, das heißt Ferienzeit, das heißt Reisezeit, und tatsächlich Millionen von Autoreisenden stecken schon wieder in irgendwelchen Staus fest und fiebern ihren Urlaubszielen entgegen. Jan und ich haben uns kürzlich entschieden nach Norwegen zu fahren, um dort den Telemarkkanal zu paddeln. Für den zwölften Juli haben wir die Fähre Frederickshavn - Larvik gebucht.

Damit während unseres Urlaubes nichts schief geht, bereiten wir uns gründlich darauf vor, neben der üblichen Paddelausrüstung lege ich besonderen Wert auf unsere Verpflegung. Dank ausgefeilter Checklisten für dieses und jenes ist der Einkauf schnell erledigt und das gesamte Reisegepäck zu einem ordentlichen Haufen angewachsen. Da die Fähre erst morgen um acht Uhr ausläuft, haben wir noch genug Zeit, alles kajakgerecht zu verpacken und anschließend ins Auto zu laden. Dummerweise zieht sich die Packerei doch erheblich in die Länge, so dass wir uns vor dem endgültigen Aufbruch nicht mehr ausruhen können und uns völlig müde gegen halb zwei in der Frühe ins Auto setzen und von zu Hause losfahren. Während Jan am Steuer sitzt, versuche ich auf dem Beifahrersitz den versäumten Schlaf nachzuholen. An richtigen Schlaf ist dabei aber nicht zu denken, so ein Kleinwagen taugt eben doch nur bedingt dazu, während der Fahrt zu schlafen. Nach zweieinhalb Stunden löse ich Jan ab und lege den Rest der Strecke bis Frederickshavn, halb fahrend, halb schlafend, zurück. Nach knapp 400 Kilometern erreichen wir Frederickshavn und steuern die erstbeste Tankstelle an.

In Frederickshavn

Schnell ist der Wagen wieder vollgetankt und wir bereit für die Fährpassage. Um viertel vor sechs erreichen wir den Terminal der Colorline und reihen uns als eines der ersten Autos auf dem Warteplatz ein. Während Jan mit den Reiseunterlagen ins Büro geht, um die Fähre zu bezahlen, schlendere ich ganz in Gedanken versunken ein wenig an der Kaimauer entlang und genieße den herrlichen Morgen und diese einmalig schöne Stimmung. So ein Hafengelände hat doch etwas, zum einen ist es dieser unnachahmliche Geruch, der sich aus der salzigen Seeluft, den angrenzenden Fischereibetrieben und den unzähligen Terminalschleppern und Gabelstaplern, die hier fast rund um die Uhr herumdüsen, zusammensetzt und zum anderen ist es natürlich auch die Vorfreude, bald auf einem schönen Fährschiff am Frühstücksbuffet sitzen zu dürfen und den Urlaub endgültig beginnen zu lassen.

Die überfahrt nach Norwegen

So langsam füllt sich das Colorlinegelände und am Horizont ist auch schon unser Schiff zu sehen. Die ersten Einweiser werden jetzt auch tätig und gucken hier und gucken da und schauen, dass jeder auf der richtigen Wartespur steht. Plötzlich sehe ich, wie einer von ihnen sich mit einer überdimensionalen 2m-Messlehre an meinem Wagen zu schaffen macht und die Höhe kontrollieren möchte. Passt nicht, kann ich seinem Blick entnehmen und zeige ihm gleich die Unterlagen und weise ihn auf die Kategorie 2,30m hin, die wir gebucht haben. Damit ist diesen Problem im Handumdrehen aus der Welt geschafft und unserer Reise steht nichts mehr im Wege. Als das Schiff einläuft, sind Jan und ich dann doch ein wenig verblüfft. Was sich heutzutage alles Schiff nennen darf, ist einfach unglaublich. Wo bei diesem unförmigen Dampfer vorne und hinten ist, kann man eigentlich nur daran erkennen, wo der Schiffsname angebracht ist. In unserem Fall steht da MS Skagen auf der Bordwand. Bevor wir allerdings an Bord fahren können, rollen erstmal jede Menge Autos und große Lastzüge über die Rampe an Land. Irgendwann sind wir schließlich an der Reihe und werden auf das PKW-Deck dirigiert. Um noch Platz im Restaurant zu bekommen, beeilen wir uns und finden auch noch einen freien Tisch vor. Satt und zufrieden suchen wir uns nach dem Frühstück irgendwo ein Plätzchen und sind augenblicklich eingeschlafen. Nach fast zwei Stunden Schlaf bei einem beträchtlichen Lärmpegel, der sich aus mindestens drei Sprachen, Kindergejaule, einer immer wiederkehrenden Stimme aus dem Bordlautsprecher und der klappernden Inneneinrichtung der Fähre zusammensetzt, zieht es uns bald auf das Sonnendeck. Wie bestellt ist der Himmel blau, die See ruhig und die Sonne kommt auch ihrer Aufgabe nach.

Irgendwann heißt es dann Land in Sicht und die ersten Felsen heben sich vom Horizont ab. Pünktlich um vierzehn Uhr laufen wir in Larvik ein und fahren in einem langen Konvoi durch Larvik, bis schließlich jeder in irgendeine Richtung entschwindet. Jan und ich ziehen mit den maximal erlaubten achtzig “Sachen“ dahin und sind von der Landschaft derartig begeistert, so dass die Fahrzeit schnell vergeht. Irgendwann führt uns die Straße ganz dicht an den Telemarkkanal heran und wir legen eine kurze Pause ein. Als wir in Frederickshavn noch auf die Fähre warteten, hatten wir eigentlich noch vor gehabt, auf dem jetzt vor uns liegendem Gewässer zu paddeln, doch Jan vertrieb sich die Zeit auf dem Sonnendeck mit dem Studieren der norwegischen Landkarte und zeigte mir plötzlich einen See namens Møsvatn am südöstlichen Rand der Hardangervidda. Wir kamen überein, dass wir ja nicht gezwungen werden, auf dem Telemarkkanal zu paddeln, und so sparen wir uns den Telemarkkanal für einen späteren Urlaub auf. Unser neues Ziel ist also der Møsvatn, bzw. die kleine Ortschaft Rauland, deren Campingplatz nur noch wenige Kilometer vom Møsvatn entfernt ist. Gegen achtzehn Uhr sind wir für heute schließlich am Ziel und sehen zu, dass wir das Zelt aufgestellt bekommen und den Anreisetag gemütlich ausklingen lassen.

Am Møsvatn

Die erste Nacht im Zelt ist doch immer wieder ungewohnt, dennoch sind wir ausgeschlafen und freuen uns auf den ersten Paddeltag. Um zum Møsvatn zu gelangen, müssen wir allerdings noch zwanzig Kilometer mit dem Auto fahren um endgültig in See stechen zu können. Kurz bevor wir unsere Einsetzstelle, den kleinen Ort Skinnarbu, erreichen führt uns die Straße schon einmal ganz dicht am Møsvatn vorbei. Der erste Eindruck ist schonmal gar nicht schlecht und lässt unsere Vorfreude aufs Paddeln ins unermessliche steigen.

Am Einsetzort angekommen, machen wir uns ohne viele Worte zu verlieren daran, die Boote klar zu machen, und besorgen uns in einem kleinen Landhandel noch schnell frisches Brot und sonstige Kleinigkeiten. Nach einer kurzen Schlepperei schwimmen unsere Kajaks schließlich und wir nehmen Kurs auf die erste übernachtungsmöglichkeit für heute.

Aufgrund der großen Menge an Gepäck, die wir mal wieder dabei haben, liegen unsere Seekajaks unheimlich satt im Wasser und machen das Fahren noch sicherer als sonst. Wir entscheiden uns für das rechte Seeufer und paddeln vielleicht dreihundert Meter vom Ufer entfernt an einigen Sommerhäusern entlang. Der See ist heute übrigens spiegelglatt und außer dem Eintauchen der Paddel ist nichts zu hören. In Gedanken versunken lasse ich noch einmal die Anreise Revue passieren und werde plötzlich jäh mit einem lauten Krachen und Knirschen aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Das kann doch nicht war sein denke ich und blicke verdutzt zu Jan herüber, der links neben mir nun auch zum Stillstand gekommen ist. Da sind wir noch keine drei Kilometer weit gepaddelt und schon bin ich ungebremst auf einen nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche lauernden, scharfkantigen Felsen aufgelaufen. Bevor ich den ersten vergeblichen Versuch starte, dieses Felsenriff zu verlassen, schießt Jan noch schnell ein Paar Erinnerungsfotos von meiner Havarie und hilft mir anschließend dabei wieder frei zu kommen. Gott sei dank bekomme ich keine nassen Füße und die Bugsektion ist auch dicht geblieben, wie sich abends herausstellt. Für die Zukunft werde ich mir auf jeden Fall ein Reparaturset anschaffen und mitführen.

Ein Mißgeschick kommt übrigens selten allein, wie ich noch an diesem Abend feststellen muss. Während Jan und Ich dabei sind, unser Abendessen zuzubereiten, fällt uns auf, dass einer von uns beiden vergessen hat, den Speck einzupacken. Gut gekühlt liegt jener nun fein säuberlich zu Hause im Kühlschrank. Die dicke Schramme an meinem Boot habe ich erstmal vergessen, aber der vergessene Speck wird mich noch die nächsten Tage verfolgen und mir bei jedem Gedanken ans Essen die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Nach ein Paar Tagen in der Wildnis gewöhnen wir uns langsam an die anfangs noch ungewohnte Umgebung und der Alltag rückt in immer weitere Ferne. Wir treffen auf dem Møsvatn übrigens niemanden und abgesehen von einigen vorbeiflitzenden Motorbooten und einem kleinen Fahrgastschiff, welches Wanderer zu einer Fjellstation bringt, ist die Gegend fast menschenleer.

Da wir keine Lust haben, jeden Morgen das Zelt abbauen zu müssen, lassen wir es heute kurzerhand stehen und wollen mit leeren Booten einen Abstecher in einen kleinen angrenzenden See, den Skinvatn, unternehmen. Bevor wir den See erreichen, müssen wir die Boote jedoch ersteinmal einen Kilometer über einen Feldweg schleppen. Nach ungefähr einer Stunde haben wir endlich wieder Wasser unter`m Kiel und genießen das herrliche Panorama.

Der See ist von steil aufragenden Felswänden umgeben und endet nach vier Kilometern an einem Flussdelta, umgeben von feinsten Sandstränden, die von uns gern zum Sonnenbaden genutzt werden. Nach einer ausgedehnten Pause machen wir uns langsam wieder auf den Rückweg, tragen die Boote um und freuen uns schon darauf, am Abend am Lagerfeuer vorm Zelt sitzen zu dürfen, um die einmalige Landschaft zu genießen.

Mit dem Wetter haben wir wirklich Glück, die umliegenden Berge werden auch die folgenden Tage von der Sonne beschienen und die zahlreichen Schneefelder, die wir häufig beim Paddeln sehen können, veranlassen uns zu einer ausgedehnten Wanderung, die wir für Morgen geplant haben. Da die Ufer zunehmend steiler und unwegsamer werden, sind wir froh, auch heute wieder einen schönen Lagerplatz gefunden zu haben. Wir bauen das Zelt direkt zwischen zwei Wasserläufen auf. Der eine von beiden ist nur ein ganz kleiner Bach, doch der andere ist ein richtiger, reißender, norwegischer Gebirgsbach mit ordentlich Getöse. Doch bald haben wir uns an den “Lärmpegel“ gewöhnt und richten unser Lager ein. Glücklich über so viel herumliegendes trockenes Holz, steht einem Lagerfeuer am Abend somit nichts im Wege und voller Neugier fiebern wir dem nächsten Tag, dem geplanten Wandertag, entgegen.

Wandern im Fjell

Im Gegenteil zu Jan bin ich eigentlich kein geübter Wanderer, daran können auch meine Meindl-Wanderschuhe Typ “Borneo“ nichts ändern. Da der Berg direkt fünf Meter hinter unserem Zelt anfängt und der kleine Trampelpfad gleich einen geschätzten Winkel von 45 Grad aufweist, läuft mir der Schweiß schon nach zwanzig Minuten den Rücken herunter. Doch auf diese Weise machen wir natürlich ganz flott Höhenmeter und können schon bald weit ins Tal gucken. Langsam finden wir unseren Rhythmus und stapfen so vor uns hin. Die Baumgrenze haben wir längst verlassen und der fürs erste angepeilte Gipfel ist auch schon fast zum Greifen nahe. Hungrig und durstig suchen wir uns hinter einem Felsen einen bequemen Platz und machen erstmal Brotzeit, wie man wohl in den Alpen zu sagen pflegt.

Aufgrund der beeindruckenden Fernsicht können wir unheimlich weit gucken und sind einfach nur fasziniert von so viel Gegend und natürlich von den Schneefeldern, die noch überquert werden müssen. Nach einem anstrengenden Anstieg, einem Rundkurs über eine Hochebene, gespickt mit kleinen, klaren aber kalten Seen, folgt nun der Abstieg. Wir entscheiden uns für einen trockengefallenen Wasserfall. Anschließend folgt ein fast undurchdringliches Waldstück und den krönenden Abschluss stellt das Seeufer des Møsvatn dar. Der Wald nervt mit unzähligen Mücken, die bei jedem Schritt aufgeschreckt werden und das Seeufer wird schließlich nur noch mehr stolpernd denn wandernd zurückgelegt. Dennoch haben wir es nach mehr als fünf Stunden geschafft, wieder am Zelt anzukommen.

Um das nördliche Ende des Møsvatns zu erkunden, lassen wir das Zelt noch eine Nacht länger stehen und fahren wieder mit leeren Booten los. Unser genaues Ziel ist die kleine Häuseransammlung Mogen und die dortige Wanderhütte. Die Wanderstiefel haben wir auch heute wieder dabei, denn nach einem Mittagessen vor der gemütlichen, bewirtschafteten Wanderhütte wollen wir noch einen Wasserfall besichtigen.

Auf der Speisekarte entdecken wir die norwegische Spezialität Römmegröd mit rotem Saft. Keine Frage, unsere Antwort lautet “two times römmegröd please“. Woraus sich diese Grütze zusammensetzt, weiß ich nicht ganz genau. Einige Zutaten sind Haferflocken, Sauerrahm, zerlassene Butter, Zucker und Zimt und noch viele andere fetthaltige Dinge. Bis zum Abend sind wir ersteinmal satt und sparen damit den Griff in die eigenen Vorräte.

Der Wasserfall ist zum Glück nicht weit entfernt und der Weg dorthin stellt keine besonderen Ansprüche an meine vom Vortag noch ziemlich plattgetrampelten Füße. Lange sitzen wir am Rande der tosenden Wassermassen, schießen viele Fotos und machen uns am späten Nachmittag wieder auf den Heimweg zu unserem Lagerplatz. Die erste Woche unseres Urlaubes ist fast vorbei und so entschließen wir uns noch einen weiteren See zu erkunden. Nach zwei gemütlichen Tagesetappen erreichen wir schließlich wieder das zurückgelassene Auto. Bevor wir jedoch den Parkplatz erreichen, müssen wir noch eine Landebahn für Wasserflugzeuge paddelnder Weise überqueren. Und wie es der Zufall nun mal so will, startet in einiger Entfernung tatsächlich ein Flugzeug und hebt keine zweihundert Meter neben uns ab. Mit diesen Eindrücken verlassen wir den Møsvatn und fahren nun nach Rjukan.

Nach Rjukan

Rjukan liegt in einem tiefen und schmalen Tal. Im Winter dürfte die Sonne hier kaum herunter scheinen. Doch jetzt im Sommer sind die Straßen voller Leben, als wir nach dem Befahren einer steilen, einige hundert Höhenmeter überwindenden Passstraße, das Zentrum erreichen. Da wir heute noch einiges vor haben, erledigen wir schnell unsere Einkäufe, stecken die Postkarten ein und schauen bei einem unterdurchschnittlichem Fastfood einigen Norwegern beim, in Skandinavien weit verbreiteten, “rundtörning“ zu. Rundtörning ist eigentlich nichts anderes, als sich mit seinem Auto zu präsentieren und zu hoffen, dass jemand guckt. Den ganzen Tag über wird also die Hauptstraße auf und ab gefahren, wobei der linke Ellbogen natürlich durch das geöffnete Seitenfenster zeigt. Wer es von diesen Rundtörnern schon zu etwas gebracht hat, hat natürlich seine Beifahrerin dabei oder eben doch nur seine Kumpels. Das Fahrzeug ist bei diesen Aktionen komischer Weise ganz egal, Hauptsache man ist cool drauf.

Jan und ich pfeifen auf so viel Coolness. Wir verlassen den Ort fast ungesehen und biegen bald von der gut befahrbaren Hauptstraße links ab und befinden uns jetzt auf eines schmalen unebenen Landstraße, die wenige Augenblicke später ihr Gesicht verändert und zu einer schmalen und teilweise sehr steilen Schotterpiste mit erheblichen Bodenwellen mutiert. Teilweise nur im Schritttempo holpern wir so von Schlagloch zu Schlagloch und erreichen so nach dreißig Kilometern und über 1100 Höhenmetern unseren zweiten See, den Kaldhovdfjorden.

Paddeln im Fjell

Bäume wachsen hier keine mehr und auch die Temperaturen haben nicht mehr viel mit Sommer zu tun. Schnell finden wir eine Möglichkeit, die Boote zu Wasser zu lassen und das Auto sicher abzustellen. Die Spritzdecken haben wir gerade eben schließen können, da geht auch schon der erste Regenschauer über uns hinweg. Ständig nach einer Zeltmöglichkeit Ausschau haltend, legen wir Kilometer für Kilometer zurück. Trotz des Regens oder gerade deshalb genießen wir einmalige Lichtverhältnisse und eine herrliche Bergkulisse eingerahmt von einem prächtigen Regenbogen.

Nach einigem Suchen finden wir schließlich eine Möglichkeit, das Zelt aufzustellen, und fallen bald müde in einen tiefen Schlaf. Da Jan in den letzten Tagen zunehmend mit übermäßigem Bilgenwasser im Heck seines Kajaks zu tun hatte, beschließen wir heute mal einen Ruhetag einzulegen, um die Ursache des Wassereinbruchs zu suchen. Nachdem Jan sein Boot mit Wasser gefüllt hat, dauert es auch nicht lange, bis wir die schadhafte Stelle im Rumpf finden. Mit einem Streifen Klebebandes wird das Loch gedichtet und schon ist sein Seekajak wieder einsatzbereit.

Bevor wir allerdings wieder paddeln, packen wir nochmals unsere Tagesrucksäcke und begeben uns noch einmal auf eine Wandertour. Steile Anstiege bleiben dieses Mal aus, da der Kaldhovdfjorden von sich aus schon mit ca. 1400 Meter über NN sehr hoch liegt. Zwei Tage bleiben wir noch hier oben in dieser baumlosen Gegend, bis wir überein kommen, noch zwei Tage an der südnorwegischen Schärenküste zu verbringen.

Bevor wir uns jedoch endgültig ins Auto setzen und in südliche Richtung aufbrechen, halten wir noch einmal an einer bewirtschafteten Wanderhütte und bestellen wieder zwei Portionen Römmegröd. Auch dieses Mal stimmt wieder alles. Bei endlich wieder bestem Wetter sitzen wir auf einem breiten Balkon mit Blick über den bezwungenen Kaldhovdfjorden und lassen uns von einer äußerst attraktiven jungen Norwegerin in einem Trachtenkleid unsere Kalorienbomben servieren. Wohl oder übel müssen wir uns aber dennoch irgendwann losreißen und die anspruchsvolle Schotterstraße unter die Räder nehmen, um an unser letztes Ziel Kragerø zu gelangen. Im Tal angekommen, bunkern wir noch schnell einige frische Lebensmittel und sehen dann zu, keine Zeit mehr zu verlieren.

Es geht an die Küste

Während ich am Steuer sitze, liest Jan die Karte und versucht uns auf möglichst geradem Weg zur Küste zu führen. Dies ist bei der norwegischen Topografie allerdings alles andere als einfach. Auf der Karte mag es noch einigermaßen harmlos aussehen, aber beim Blick auf die Straße macht sich jede Abkürzung mit tiefen Bodenwellen, schlechtem Asphalt und teilweise scharfkantigen Schlaglöchern bemerkbar. Um meinen Wagen zu schonen, ist also volle Konzentration angesagt und mir gelingt es tatsächlich, alle Bodenwellen und Schlaglöcher mit kräftigen Tritten auf die Bremse bzw. schnellen Ausweichmanövern zu entschärfen. Nach ca. der Hälfte der Strecke wird die Straße endlich wieder besser, allerdings auch wieder steiler. Ohne Vorwarnung befinden wir uns jetzt auf einer sehr steilen Passstraße, die in unzähligen Serpentinen über eine Bergkette in ein nächstes Tal führt. Im ersten und zweiten Gang nehmen wir auch diese Hürde und erreichen ziemlich erledigt nach guten fünf Stunden den Küstenort Kragerø und einen direkt am Wasser liegenden Campingplatz.

Ruck, zuck steht unsere Stoffvilla und für uns ist nach einem anständigen Essen aus der Trangiaküche erstmal Feierabend an diesem Abend. Nach einer erholsamen Nacht beginnen wir den vorletzten Paddeltag mit einem langen und gemütlichen Frühstück inklusive frischer Brötchen. Gespannt auf den heutigen Paddeltag beeilen wir uns, in die Boote zu kommen. Schnell hat sich eine Gruppe von "fachkundigen" Campern um uns herum versammelt und passt auf, dass wir beim Einsteigen in die Kajaks nichts verkehrt machen.

Mit den Kajaks in den Schären

Zuerst wollen wir nach Kragerø paddeln und von dort weiter in die Schären. In und um Kragerø herrscht absoluter Hochbetrieb und wir müssen aufpassen, dass wir nicht von halbstarken Motorbootkapitänen über den Haufen gefahren werden. In Kragerø selbst herrscht im Hafen mindestens genau so viel Betrieb wie auf dem Parkplatz bei Real an einem Freitagnachmittag - mit dem einzigen Unterschied, dass die Hausfrauen hier nicht Herr über einen Mittelklassewagen sind, sondern sich mit den Eigenarten eines üppig motorisierten Motorbootes auseinandersetzen müssen. Für einen Moment scheinen die vielen Touristen und alle anderen Schaulustigen dies allerdings uninteressant zu finden und beobachten lieber die zwei Kollegen mit ihren langen, schmalen Kajaks. Hier und da wird die Videokamera scharf gemacht und wir Teil einiger Urlaubserinnerungen. Nach einem kurzen Bad in der Menge flüchten wir aber dann doch und lassen Kragerø schnell hinter uns. Um nach zwei Stunden einen schönen Pausenplatz zu finden, müssen wir schon genau suchen. überall, wo man aus dem Boot kommen könnte, steht leider schon ein Sommerhaus. Irgendwann gelingt es uns aber doch, eine Pause zu machen und die Boote zu verlassen.

Um auch noch den letzten Urlaubstag vollständig zu nutzen, beschließen wir, das Zelt am nächsten Morgen abzubauen, alles ins Auto zu laden und auf dem Weg nach Larvik noch einmal anzuhalten und eine Paddeltour zu machen. Froh über die letzten beiden Wochen neigt sich nun leider ein erlebnisreicher Urlaub dem Ende entgegen und wir müssen wohl oder übel am Sonntagmorgen um acht Uhr in Larvik an der Fähre sein, um wieder nach Dänemark zu kommen. Jetzt sind es nur noch sechs Stunden auf der Fähre und noch einmal vier Stunden mit dem Auto durch ganz Dänemark bis nach Schleswig.

 

 

Text, Fotos: Lasse Montag

 

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