Mit dem Kajak in Grönland - 1999

Urlaub in Grönland - und noch dazu mit dem Kajak! Wer diese Absicht in seinem Umfeld durchblicken läßt, muß darauf gefaßt sein, für verrückt erklärt zu werden. Dabei ist doch nicht nur das Wort Kajak aus dem Inuktitut - der Sprache der Inuit - entlehnt, sondern auch die Bootsform selbst wurde in dieser Region entwickelt, und erst sie ermöglichte und sicherte den Menschen hier ein Überleben in einer Umwelt, in der das Meer Nahrung in Hülle und Fülle bietet, während Flora und Fauna an Land so karg sind, daß sie allein kaum eine ausreichende Basis für eine dauerhafte Besiedelung bieten. Hinzu kommt die Faszination der Eisberge, Gletscher, Mitternachtssonne sowie der Möglichkeit, im Kajak Kontakt zu Walen zu haben, so daß die oft als erstes gestellte Frage nach dem Warum schnell beantwortet ist.

Doch von der Idee bis zum Einsetzen der Kajaks in den Hafen von Ilulissat waren umfangreiche Planungen und Vorbereitungen erforderlich. Denn was weiß man schon von dieser Insel im Nordatlantik? Na gut, sie ist mit 2,176 Mill. km2 Größe, von denen 84 % mit Eis bedeckt sind, etwa sechsmal so groß wie Deutschland, hat aber mit rund 55.000 Einwohnern eine Bevölkerungszahl wie eine deutsche Kleinstadt. Soweit die Statistik - aber was hilft sie drei Kanuten, die zwar auf Nord- und Ostsee zu Hause sind, aber bisher keine Verbindung zum Land der Menschen - Kalallit Nunaat, so der Eigenname Grönlands - hatten?

Daß es eine Kombination aus Paddel- und Wandertour werden soll, darüber ist schnell Einigkeit erzielt, wobei der Teil auf dem Wasser aber den klaren Vorrang genießen soll. Hier beginnen jedoch die Fragen: Ist es möglich, auf Grönland Kajaks zu leihen, und wenn ja, um welche Typen handelt es sich? Oder ist es doch besser, die eigenen Boote mitzunehmen? Reiseführer, Prospekte und Fahrtenberichte helfen nicht weiter. Doch es wird klar, Paddeln ist auf Grönland heute weder bei Einheimischen noch bei Touristen sehr verbreitet und verläßliche Informationen über einen Kajakverleih finden sich nicht. Also müssen die eigenen Boote über den Atlantik gebracht werden. Luftfracht scheidet aus, da SAS, die einzige Gesellschaft, die Grönland von Europa aus regelmäßig anfliegt, pro Boot mehr als 2000,- DM verlangt. Und dabei ist noch nicht einmal geklärt, ob in den kleinen Maschinen von Grönlandsfly überhaupt ein Weitertransport auf den Inlandsflügen möglich ist. Bleibt also nur der Schiffstransport. Die Royal Arctic Line in Aalborg/DK unterhält einen regelmäßigen Liniendienst zu allen "größeren" grönländischen Häfen, und die Beförderung der Boote und Ausrüstung ist unproblematisch, auch wenn die Preisgestaltung der Reederei schon etwas erstaunlich ist: kostet der Transport von Dänemark nach Grönland doch etwa viermal so viel wie in die Gegenrichtung.

Jetzt ist also die Frage zu klären, in welche Region es überhaupt gehen soll. Infrastruktur, Klima, Landschaft und mögliche Gefahrenmomente geben bei der Entscheidung den Ausschlag. Der Norden der Insel ist Nationalpark und weitgehend für Touristen gesperrt. Außerdem soll es keine Extremtour werden; daher scheidet auch die Ostküste aus, da sich hier ein Meereisstrom von Norden nach Süden an der Küste entlang schiebt und damit die Befahrbarkeit auch für die Berufsschiffahrt erheblich einschränkt. Hinzu kommt, daß auf dem Eis häufig Eisbären aus nördlichen Breiten heruntertreiben. Der Süden, das Siedlungsgebiet der Wikinger, die der Insel auch ihren europäischen Namen gaben, gilt als stürmische und regnerische Gegend. Allerdings gibt es hier in Narsaq einen der beiden internationalen Flughäfen der Insel direkt an einem Fjord, was die Anreise vereinfacht, und die Geschichte der Region, Gletscher und Hochgebirge direkt am Meer locken. Wäre da nicht die Disko Bucht, etwa in der Mitte der Westküste auf der gleichen Breite wie das Nordkap gelegen. Diese "Haltestelle der Hochdruckgebiete" verspricht mit viel Sonne, kaum Wind und Niederschlägen in den Sommermonaten ideale Paddelbedingungen und dazu einige Gletscher, die massenhaft Eisberge aller Größen in die Bucht entlassen. Die Gegend ist vielen durch den Film "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" nach dem gleichnamigen Roman von Peter Høeg bekannt geworden, der hier teilweise gedreht wurde, auch wenn die winterlichen Szenen nicht unbedingt einladend wirken! Ilulissat ist mit 4000 Einwohnern die größte Stadt in der Region und ist das touristische Zentrum Grönlands mit allen notwendigen Infrastruktureinrichtungen. Unser Traumziel ist gefunden!

Jetzt ist nur noch die Ausrüstung zu komplettieren, um auf alle erdenklichen Widrigkeiten vorbereitet zu sein. Auch die Verpflegung für drei Wochen wollen wir vollständig zu Hause einkaufen und mit verschiffen.

Die günstigste Reisezeit für uns sind der Juli und August. Das Eis vom Winter in der Bucht ist geschmolzen, bis Ende Juli geht die Sonne nicht unter und mit Frost und Schneefall müssen wir vor Ende August nicht unbedingt rechnen. Einen Monat vor unserer geplanten Ankunft in Ilulissat bringen wir die Kajaks nach Aalborg zur Royal Arctic Line. Vor dem Gebäudekomplex weht die Flagge Grönlands und wenn noch irgendein Zweifel bestanden hätten, wird beim Betreten des modernen Großraumbüros deutlich, daß wir hier richtig sind: an der Wand hängt ein echtes grönländisches Kajak! Die Formalitäten sind schnell erledigt, und wir lassen uns noch einmal bestätigen, daß wir die Boote auch am Tag unserer Ankunft, einem Sonnabend, abholen können.

 

Das fängt ja gut an!

Sonnabend, den 17.07.99 - endlich ist es so weit; heute fliegen wir unseren Kajaks nach. Trotz Bettenwechsels in den dänischen Ferienhäusern und des Ausfalls zweier Norwegenfähren kommen wir problemlos in den frühen Morgenstunden nach einer dreistündigen Autofahrt auf dem Kopenhagener Flughafen an. Im Flugzeug dann die erste Überraschung: Alle Durchsagen erfolgen auf Dänisch, Inuktituk und Englisch. Grönland ist zwar politisch Teil Dänemarks, seit 1979 aber die Selbstverwaltung eingeführt wurde, ist Inuktituk Amtssprache. Nach knapp 4œ Stunden Flugzeit landen wir in Kangerlussuaq - eine Ortsbezeichnung, die man auf der Landkarte Grönlands häufig findet, bedeutet sie doch nur „langer Fjord“, und davon gibt es viele. Kangerlussuaq war bis vor wenigen Jahren ein amerikanischer Militärflughafen, der einfach in die Landschaft gebaut wurde und wirkt dementsprechend ernüchternd. Die ca. 300 Einwohner des Ortes leben fast ausschließlich direkt oder indirekt vom Flughafen. Für die meisten Reisenden ist hier nur eine Zwischenstation zum eigentlichen Reiseziel, wenn man sich nicht mit Geländewagen, Mountainbike, Islandpony oder zu Fuß auf den 25 km langen Weg zum Inlandeis machen will. Unsere Reise geht nach einer Stunde mit einer 50sitzigen Turbo-Prop-Maschine zuerst über eisfreies Festland weiter, dann aber folgen wir der zerklüfteten Schärenküste in Richtung Norden. Die ersten Eisberge tauchen auf, und Fotoapparate klicken an jedem Fenster.

Ein Paddel im Handgepäck weist uns eindeutig als Kanuten aus, und das mag der Grund für die wohl für den weiteren Verlauf unserer Reise hilfreichste Begegnung gewesen sein. Neben uns im Flugzeug sitzt Dieter Zillmann, deutscher Honorarkonsul in Ilulissat, und gemeinsam mit seiner Partnerin, Elke Meissner, seit Jahrzehnten in der Gegend im Tourismusgeschäft. Er kennt die Disko Bucht wie seine Westentasche und gibt anhand der Karte wertvolle Tips über Gefahren, Naturschönheiten und gute Lagerplätze. Er bietet uns für den Fall, daß wir in Schwierigkeiten geraten, seine Hilfe an, und verspricht, auf seinen Fahrten mit „MS Smilla“ ein Auge auf uns zu haben - fischte er doch erst vor kurzem zwei österreichische Kanuten nach einer Kenterung aus dem eisigen Wasser. Und zu guter letzt: „Wenn Ihr zurückkehrt, kommt bei mir vorbei, ich kaufe Euch Eure Kajaks ab.“

Nach einer kurzen Zwischenlandung in Aasiaat kommt vom Piloten überraschenderweise in holperigem Deutsch eine Durchsage, deren Inhalt selbst für die Einheimischen ungewöhnlich ist: Er kündigt an, daß er wegen des guten Wetters einen Umweg fliegen werde und sich die Landung in Ilulissat deswegen um ca. 15 - 20 Minuten verzögern wird. Was wir dann im Tiefflug zu sehen bekommen, ist die Attraktion der Region: der Ilulissat Eisfjord! 40 km nur Eisberge, die sich in dem Fjord stauen, und an seinem Ende der zehn Kilometer breite Sermeq Kujalleq, einer der aktivsten Gletscher der nördlichen Halbkugel, der etwa 22 m pro Tag zurücklegt, mehr als die schnellsten Alpengletscher im ganzen Jahr, und dabei rund 20 Mrd. Tonnen Eis kalbt. Die Eisberge sind riesig und erreichen teilweise 100 m Höhe über dem Meeresspiegel, wobei doch 80 - 90 % unter Wasser verborgen bleiben! Da liegt auch die Erklärung für diesen Stau im Fjord. Er ist zwar mehr als 1000 m tief, aber eine Barriere von "nur" 250 - 300 m Wassertiefe an seiner Mündung zur Disko Bucht versperrt den weißen Giganten den Weg ins offene Meer, so daß sie erst ihre Reise fortsetzen können, wenn sie abgescholzen sind oder der Druck im Fjord so groß geworden ist, daß sie über diese Untiefe gepreßt werden. Total begeistert von diesem Naturschauspiel, das wir noch dazu auf einem Linienflug geboten bekommen haben, landen wir in Ilulissat. Besser kann unsere Reise nicht beginnen. Jetzt müssen nur noch die Kajaks wie vereinbart angekommen sein.

Im Hafen dominieren die Gebäude der Fischfabrik, in der vorwiegend Heilbutt und Tiefseekrabben verarbeitet werden, und die riesige Lagerhalle der Spedition. Aber weit und breit niemand, der uns an die Boote lassen könnte, um Zelte und Verpflegung zu holen, und ich erinnere mich an Ratschläge, möglichst nicht an einem Samstag anzukommen. Die Hilfsbereitschaft, die wir im Tourist Service und von Einheimischen erfahren ist überwältigend, aber schließlich erscheint doch noch ein Mitarbeiter des Transportunternehmens und alles klappt wie geplant; ihm war nur eine andere Ankunftszeit übermittelt worden.

Im Tourist Service melden wir uns für den örtlichen Campingplatz an. Dieser darf aber nicht mit europäischen Maßstäben gemessen werden. In einigen Containern sind einfachste Sanitäreinrichtungen, ein beheizter Aufenthaltsraum und zwei Duschen untergebracht. Ansonsten kann man auf einem weitläufigen Gelände zwischen Felsen einen ungestörten Platz für sein Zelt suchen. Dafür ist aber die Lage außerhalb des Ortes in unmittelbarer Nähe des Eisfjords einzigartig. Was aus dem Flugzeug beeindruckend war, ist aus der Nähe betrachtet einfach überwältigend. Dazu eine Geräuschkulisse von zerberstendem Eis, die sich am ehesten mit Gewitterdonner oder Geschützfeuer vergleichen läßt. Das Wetter verschlechtert sich. In der Nacht regnet es ein wenig und es wird windig. Dabei versichern alle, daß die vorangegangenen Wochen herrliches Wetter boten, was auch an der Trockenheit der Landschaft erkennbar ist.

Den Sonntag nach unserer Ankunft wollen wir nutzen, um uns im Ort umzusehen; den Start für unsere Paddeltour haben wir erst für den nächsten Tag geplant. Das Ortsbild wird bestimmt durch bunte Ein- und Mehrfamilienhäuser, dazwischen Supermärkte, Geschäfte, Werkstätten, Hotels, Schulen und Museen, alles wie in jeder anderen Stadt. Es herrscht reger Fahrzeugverkehr - vorwiegend Taxen - der aber an der Ortsgrenze mangels weiterführender Straßen endet. Im Hafen drängen sich hunderte Fischkutter und kleinerer Motorboote. Scheinbar verfügt jede Familie über ein eigenes Boot und nutzt das Wochenende zu einem Ausflug oder zu Jagd und Fischfang. Kleinere Eisberge treiben bis in den Hafen. Schließlich sind da noch die Schlittenhunde. Überall zwischen den Häusern und auf freien Flächen am Ortsrand sind sie angekettet und dösen meistens vor sich hin; nur die Welpen laufen frei herum und sind dankbar für Streicheleinheiten. Es sind vermutlich Tausende, obwohl die Zahlenangaben erheblich schwanken, und vor zwei Jahren soll ein Seuche mehr als 2000 Tiere das Leben gekostet haben. Wir halten respektvollen Abstand zu den ausgewachsenen Hunden, denn die Geschichten, die über diese noch sehr ursprünglichen Tiere erzählt werden, sind Warnung genug. Eine Wanderung führt uns (natürlich) am Rand des Eisfjords entlang und hier stoßen wir immer wieder auf Spuren aus der Vergangenheit, in der das (Über)Leben in dieser rauhen Umwelt noch deutlich schwerer war. Da ist eine Schlucht, die Altweiberklamm heißt, weil sich früher hier alte Frauen in Notzeiten in die Tiefe stürzten, um die Gemeinschaft nicht zu belasten. Am Strand liegen unzählige Knochen, Køkkenmødding - Küchenabfälle - genannt, und im Gras sind die Reste von Häusern aus Steinen und Torfsoden als kleine rechteckige Erdwälle sichtbar. In der Nähe dieser Siedlungsreste finden sich auch Gräber, die als keine Steinhügel mit ein wenig Übung schnell zu entdecken sind, in denen menschliche Knochen offen sichtbar sind. Solche mehrere Jahrhunderte alten Siedlungsreste sind auch in den Landkarten eingezeichnet, und sie werden für uns Ziele, die wir gern ansteuern, weil sie immer an idealen Lagerplätzen angelegt wurden - flache Kiesstrände, weicher Untergrund und meistens so gelegen, daß der Wind die sonst allgegenwärtigen Mücken vertreibt.

Der Traum wird Wirklichkeit

Damit hatten wir nicht gerechnet! Mit unseren drei Kajaks sind wir im Hafen von Illusissat eine Attraktion für Einheimische wie für Touristen. Bei dem mühseligen Versuch, Ausrüstung und Verpflegung für 15 Tage zu verstauen, kommen immer wieder Jäger und Fischer, die längst auf Motorboote und Kutter umgestiegen sind, um die moderne Weiterentwicklung des wichtigsten Fortbewegungsmittels ihrer Vorfahren unter die Lupe zu nehmen. Und für die anderen Touristen sind wir offenbar ein willkommenes Fotomotiv, um ein Grönlandklischee zu bestätigen, das mit der Realität wenig gemeinsam hat, denn auf dem Wasser haben wir in der ganzen Zeit kein anderes Kajak gesehen.

Eisberge! Wo man hinsieht: Eisberge! Hunderte! Eisberge in allen Größen und Formen! Und wir mit unseren drei Kajaks mittendrin! Ein unbeschreibliches Gefühl!

Bei unseren Vorbereitungen auf diese Reise hatten wir Unmassen Literatur über Grönland und die Arktis verschlungen, aber kein noch so aufwendig gestalteter Bildband, keine noch so gelungene Beschreibung besteht den Vergleich mit der Realität . Bei unserer Abfahrt im Hafen von Ilulissat geben die Fischer mit Gesten zu verstehen, daß wir vor der Hafeneinfahrt auf der Disko Bucht mit starkem Seegang zu rechnen hätten, und ein Mitarbeiter der Spedition bietet sich an, uns mit dem Pkw nach Nuugaarsuk, einem vorgelagerten Kap, zu bringen, um uns dort selbst ein Bild von den Wind- und Wellenbedingungen zu machen. Wir verzichten und starten mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Die Verhältnisse geben uns recht. 3 - 4 Beaufort und 50 - 70 cm Wellenhöhe sind kein Problem. Aber die innere Anspannung bleibt; zu viele furchterregende Geschichten und Berichte über kenternde Eisberge, Flutwellen und abbrechende Eisbrocken spuken wohl noch im Kopf herum, um die Schönheit richtig genießen zu können. Je näher wir unserem ersten Etappenziel Oqaatsut (Rodebay) kommen, desto besser werden die Bedingungen. Der Wind schläft fast völlig ein, das Wasser beruhigt sich und vor uns liegt Bilderbuch-Grönland: strahlender Sonnenschein, spiegelglattes Wasser mit langer Restdünung, Eisberge und die kleinen, bunten Häuser von Oqaatsut auf nacktem, von eiszeitlichen Gletschern geschliffenem Granit. Das Donnern und Krachen, wenn Teile von Eisbergen abbrechen, läßt zwar noch immer unsere Köpfe wie auf Kommando herumfahren, aber unsere Befürchtungen sind unbegründet. Trotz der Verlockung, näher heranzufahren, halten wir von den großen Eisbergen einen respektvollen Abstand, obwohl die 500 m, die Dieter uns als Mindestabstand von den Riesen empfohlen hatte, sich nicht immer einhalten lassen: Es sind einfach zu viele. Als dann auch noch ein Eisberg mit einem riesigen, bestimmt 20 - 30 m hohen Bogen auftaucht, gibt es kein Halten mehr: Spritzdecke auf, Kamera raus und die ersten Fotos "Kajak vor Eisberg" werden auf den Film gebannt - unzählige sollen noch folgen!

In Oqaatsut leben nur 40 Menschen, aber deutlich mehr Schlittenhunde. Wir umrunden noch die Halbinsel, auf der das Dorf liegt, und wollen unter Berücksichtigung eines Mindestabstandes von 300 m, um den Besucher gebeten werden, unsere Zelte aufschlagen. Was wir dort am Ufer vorfinden, verschlägt uns aber in zweifacher Hinsicht den Atem. Auf einer flach zum Ufer hin abfallenden Felsplatte liegen die nicht mehr ganz frischen Überreste eines erst kürzlich erlegten Wals. Wie wir später erfahren, handelte es sich um einen 20 m langen Finnwal, der drei Wochen vor unserer Ankunft erlegt, dort angelandet und zerlegt wurde. Wirbelknochen und der Schädel blieben einfach liegen und verbreiten jetzt einen penetranten Verwesungsgeruch. Regelmäßige Gäste sind hier eine Hündin mit ihren halbwüchsigen Welpen, die sich an den Resten gütlich tun und dabei an unseren Zelten vorbeikommen. Vor ihnen ist nichts sicher. Eine faltbare Schüssel ist der Tribut, den wir zu zahlen haben, weil nicht alles im Zelt oder Boot verstaut wurde. Walfleisch steht nach wie vor auf dem Speiseplan der Einheimischen und so dürfen in der Diskobucht jährlich zwei bis drei Finnwale gefangen werden.

Uns bleibt keine andere Möglichkeit, wir müssen in der Nähe des Schlachtplatzes anlegen. Beim Versuch das schwere Boot über eine Felskante zu ziehen, bricht mir der Heckbeschlag ab, und die Steuerung hängt nur noch an den Seilen. Was nun? Ohne Steuerung ist der Yukon Expedition bei Wind und Wellen nur noch schwer beherrschbar, und wir hatten doch abgemacht, kein unnötiges Risiko einzugehen. Aber hatte unser Ratgeber auf dem Hinflug nicht vom "H 8" erzählt, einem Café und Restaurant, das von einem deutschen Paar bewirtschaftet wird? Schon von weitem sehen wir das Gebäude mit dieser Beschriftung auf dem Dach, die früher Piloten als Orientierungshilfe diente. Uta und Ingo aus Thüringen haben hier ein gemütliches Refugium geschaffen, das nicht nur von Touristen, sondern überwiegend von Einheimischen besucht wird. Ingo hat schnell eine passende Schraube gefunden, eine Bohrmaschine kann ich auch bei ihm leihen und so ist der Schaden am nächsten Tag weitgehend behoben, auch wenn die Reparaturmasse sich nicht mit dem PE verbindet, so daß ich von jetzt an immer ein wenig Wasser ins Boot bekomme; aber die Steuerung hält bis zum Schluß. Uta und Ingo präsentieren uns nicht ohne Stolz ihre eigenen Kajaks, mit denen sie selbst auch häufig unterwegs sind. Hans Memminger und seine Tochter haben sie nach einer Reise hier zurückgelassen.

Das fängt ja gut an!

Sonnabend, den 17.07.99 - endlich ist es so weit; heute fliegen wir unseren Kajaks nach. Trotz Bettenwechsels in den dänischen Ferienhäusern und des Ausfalls zweier Norwegenfähren kommen wir problemlos in den frühen Morgenstunden nach einer dreistündigen Autofahrt auf dem Kopenhagener Flughafen an. Im Flugzeug dann die erste Überraschung: Alle Durchsagen erfolgen auf Dänisch, Inuktituk und Englisch. Grönland ist zwar politisch Teil Dänemarks, seit 1979 aber die Selbstverwaltung eingeführt wurde, ist Inuktituk Amtssprache. Nach knapp 4œ Stunden Flugzeit landen wir in Kangerlussuaq - eine Ortsbezeichnung, die man auf der Landkarte Grönlands häufig findet, bedeutet sie doch nur „langer Fjord“, und davon gibt es viele. Kangerlussuaq war bis vor wenigen Jahren ein amerikanischer Militärflughafen, der einfach in die Landschaft gebaut wurde und wirkt dementsprechend ernüchternd. Die ca. 300 Einwohner des Ortes leben fast ausschließlich direkt oder indirekt vom Flughafen. Für die meisten Reisenden ist hier nur eine Zwischenstation zum eigentlichen Reiseziel, wenn man sich nicht mit Geländewagen, Mountainbike, Islandpony oder zu Fuß auf den 25 km langen Weg zum Inlandeis machen will. Unsere Reise geht nach einer Stunde mit einer 50sitzigen Turbo-Prop-Maschine zuerst über eisfreies Festland weiter, dann aber folgen wir der zerklüfteten Schärenküste in Richtung Norden. Die ersten Eisberge tauchen auf, und Fotoapparate klicken an jedem Fenster.

Ein Paddel im Handgepäck weist uns eindeutig als Kanuten aus, und das mag der Grund für die wohl für den weiteren Verlauf unserer Reise hilfreichste Begegnung gewesen sein. Neben uns im Flugzeug sitzt Dieter Zillmann, deutscher Honorarkonsul in Ilulissat, und gemeinsam mit seiner Partnerin, Elke Meissner, seit Jahrzehnten in der Gegend im Tourismusgeschäft. Er kennt die Disko Bucht wie seine Westentasche und gibt anhand der Karte wertvolle Tips über Gefahren, Naturschönheiten und gute Lagerplätze. Er bietet uns für den Fall, daß wir in Schwierigkeiten geraten, seine Hilfe an, und verspricht, auf seinen Fahrten mit „MS Smilla“ ein Auge auf uns zu haben - fischte er doch erst vor kurzem zwei österreichische Kanuten nach einer Kenterung aus dem eisigen Wasser. Und zu guter letzt: „Wenn Ihr zurückkehrt, kommt bei mir vorbei, ich kaufe Euch Eure Kajaks ab.“

Nach einer kurzen Zwischenlandung in Aasiaat kommt vom Piloten überraschenderweise in holperigem Deutsch eine Durchsage, deren Inhalt selbst für die Einheimischen ungewöhnlich ist: Er kündigt an, daß er wegen des guten Wetters einen Umweg fliegen werde und sich die Landung in Ilulissat deswegen um ca. 15 - 20 Minuten verzögern wird. Was wir dann im Tiefflug zu sehen bekommen, ist die Attraktion der Region: der Ilulissat Eisfjord! 40 km nur Eisberge, die sich in dem Fjord stauen, und an seinem Ende der zehn Kilometer breite Sermeq Kujalleq, einer der aktivsten Gletscher der nördlichen Halbkugel, der etwa 22 m pro Tag zurücklegt, mehr als die schnellsten Alpengletscher im ganzen Jahr, und dabei rund 20 Mrd. Tonnen Eis kalbt. Die Eisberge sind riesig und erreichen teilweise 100 m Höhe über dem Meeresspiegel, wobei doch 80 - 90 % unter Wasser verborgen bleiben! Da liegt auch die Erklärung für diesen Stau im Fjord. Er ist zwar mehr als 1000 m tief, aber eine Barriere von "nur" 250 - 300 m Wassertiefe an seiner Mündung zur Disko Bucht versperrt den weißen Giganten den Weg ins offene Meer, so daß sie erst ihre Reise fortsetzen können, wenn sie abgescholzen sind oder der Druck im Fjord so groß geworden ist, daß sie über diese Untiefe gepreßt werden. Total begeistert von diesem Naturschauspiel, das wir noch dazu auf einem Linienflug geboten bekommen haben, landen wir in Ilulissat. Besser kann unsere Reise nicht beginnen. Jetzt müssen nur noch die Kajaks wie vereinbart angekommen sein.

Im Hafen dominieren die Gebäude der Fischfabrik, in der vorwiegend Heilbutt und Tiefseekrabben verarbeitet werden, und die riesige Lagerhalle der Spedition. Aber weit und breit niemand, der uns an die Boote lassen könnte, um Zelte und Verpflegung zu holen, und ich erinnere mich an Ratschläge, möglichst nicht an einem Samstag anzukommen. Die Hilfsbereitschaft, die wir im Tourist Service und von Einheimischen erfahren ist überwältigend, aber schließlich erscheint doch noch ein Mitarbeiter des Transportunternehmens und alles klappt wie geplant; ihm war nur eine andere Ankunftszeit übermittelt worden.

Im Tourist Service melden wir uns für den örtlichen Campingplatz an. Dieser darf aber nicht mit europäischen Maßstäben gemessen werden. In einigen Containern sind einfachste Sanitäreinrichtungen, ein beheizter Aufenthaltsraum und zwei Duschen untergebracht. Ansonsten kann man auf einem weitläufigen Gelände zwischen Felsen einen ungestörten Platz für sein Zelt suchen. Dafür ist aber die Lage außerhalb des Ortes in unmittelbarer Nähe des Eisfjords einzigartig. Was aus dem Flugzeug beeindruckend war, ist aus der Nähe betrachtet einfach überwältigend. Dazu eine Geräuschkulisse von zerberstendem Eis, die sich am ehesten mit Gewitterdonner oder Geschützfeuer vergleichen läßt. Das Wetter verschlechtert sich. In der Nacht regnet es ein wenig und es wird windig. Dabei versichern alle, daß die vorangegangenen Wochen herrliches Wetter boten, was auch an der Trockenheit der Landschaft erkennbar ist.

Den Sonntag nach unserer Ankunft wollen wir nutzen, um uns im Ort umzusehen; den Start für unsere Paddeltour haben wir erst für den nächsten Tag geplant. Das Ortsbild wird bestimmt durch bunte Ein- und Mehrfamilienhäuser, dazwischen Supermärkte, Geschäfte, Werkstätten, Hotels, Schulen und Museen, alles wie in jeder anderen Stadt. Es herrscht reger Fahrzeugverkehr - vorwiegend Taxen - der aber an der Ortsgrenze mangels weiterführender Straßen endet. Im Hafen drängen sich hunderte Fischkutter und kleinerer Motorboote. Scheinbar verfügt jede Familie über ein eigenes Boot und nutzt das Wochenende zu einem Ausflug oder zu Jagd und Fischfang. Kleinere Eisberge treiben bis in den Hafen. Schließlich sind da noch die Schlittenhunde. Überall zwischen den Häusern und auf freien Flächen am Ortsrand sind sie angekettet und dösen meistens vor sich hin; nur die Welpen laufen frei herum und sind dankbar für Streicheleinheiten. Es sind vermutlich Tausende, obwohl die Zahlenangaben erheblich schwanken, und vor zwei Jahren soll ein Seuche mehr als 2000 Tiere das Leben gekostet haben. Wir halten respektvollen Abstand zu den ausgewachsenen Hunden, denn die Geschichten, die über diese noch sehr ursprünglichen Tiere erzählt werden, sind Warnung genug. Eine Wanderung führt uns (natürlich) am Rand des Eisfjords entlang und hier stoßen wir immer wieder auf Spuren aus der Vergangenheit, in der das (Über)Leben in dieser rauhen Umwelt noch deutlich schwerer war. Da ist eine Schlucht, die Altweiberklamm heißt, weil sich früher hier alte Frauen in Notzeiten in die Tiefe stürzten, um die Gemeinschaft nicht zu belasten. Am Strand liegen unzählige Knochen, Køkkenmødding - Küchenabfälle - genannt, und im Gras sind die Reste von Häusern aus Steinen und Torfsoden als kleine rechteckige Erdwälle sichtbar. In der Nähe dieser Siedlungsreste finden sich auch Gräber, die als keine Steinhügel mit ein wenig Übung schnell zu entdecken sind, in denen menschliche Knochen offen sichtbar sind. Solche mehrere Jahrhunderte alten Siedlungsreste sind auch in den Landkarten eingezeichnet, und sie werden für uns Ziele, die wir gern ansteuern, weil sie immer an idealen Lagerplätzen angelegt wurden - flache Kiesstrände, weicher Untergrund und meistens so gelegen, daß der Wind die sonst allgegenwärtigen Mücken vertreibt.

Der Traum wird Wirklichkeit

Damit hatten wir nicht gerechnet! Mit unseren drei Kajaks sind wir im Hafen von Illusissat eine Attraktion für Einheimische wie für Touristen. Bei dem mühseligen Versuch, Ausrüstung und Verpflegung für 15 Tage zu verstauen, kommen immer wieder Jäger und Fischer, die längst auf Motorboote und Kutter umgestiegen sind, um die moderne Weiterentwicklung des wichtigsten Fortbewegungsmittels ihrer Vorfahren unter die Lupe zu nehmen. Und für die anderen Touristen sind wir offenbar ein willkommenes Fotomotiv, um ein Grönlandklischee zu bestätigen, das mit der Realität wenig gemeinsam hat, denn auf dem Wasser haben wir in der ganzen Zeit kein anderes Kajak gesehen.

Eisberge! Wo man hinsieht: Eisberge! Hunderte! Eisberge in allen Größen und Formen! Und wir mit unseren drei Kajaks mittendrin! Ein unbeschreibliches Gefühl!

Bei unseren Vorbereitungen auf diese Reise hatten wir Unmassen Literatur über Grönland und die Arktis verschlungen, aber kein noch so aufwendig gestalteter Bildband, keine noch so gelungene Beschreibung besteht den Vergleich mit der Realität . Bei unserer Abfahrt im Hafen von Ilulissat geben die Fischer mit Gesten zu verstehen, daß wir vor der Hafeneinfahrt auf der Disko Bucht mit starkem Seegang zu rechnen hätten, und ein Mitarbeiter der Spedition bietet sich an, uns mit dem Pkw nach Nuugaarsuk, einem vorgelagerten Kap, zu bringen, um uns dort selbst ein Bild von den Wind- und Wellenbedingungen zu machen. Wir verzichten und starten mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Die Verhältnisse geben uns recht. 3 - 4 Beaufort und 50 - 70 cm Wellenhöhe sind kein Problem. Aber die innere Anspannung bleibt; zu viele furchterregende Geschichten und Berichte über kenternde Eisberge, Flutwellen und abbrechende Eisbrocken spuken wohl noch im Kopf herum, um die Schönheit richtig genießen zu können. Je näher wir unserem ersten Etappenziel Oqaatsut (Rodebay) kommen, desto besser werden die Bedingungen. Der Wind schläft fast völlig ein, das Wasser beruhigt sich und vor uns liegt Bilderbuch-Grönland: strahlender Sonnenschein, spiegelglattes Wasser mit langer Restdünung, Eisberge und die kleinen, bunten Häuser von Oqaatsut auf nacktem, von eiszeitlichen Gletschern geschliffenem Granit. Das Donnern und Krachen, wenn Teile von Eisbergen abbrechen, läßt zwar noch immer unsere Köpfe wie auf Kommando herumfahren, aber unsere Befürchtungen sind unbegründet. Trotz der Verlockung, näher heranzufahren, halten wir von den großen Eisbergen einen respektvollen Abstand, obwohl die 500 m, die Dieter uns als Mindestabstand von den Riesen empfohlen hatte, sich nicht immer einhalten lassen: Es sind einfach zu viele. Als dann auch noch ein Eisberg mit einem riesigen, bestimmt 20 - 30 m hohen Bogen auftaucht, gibt es kein Halten mehr: Spritzdecke auf, Kamera raus und die ersten Fotos "Kajak vor Eisberg" werden auf den Film gebannt - unzählige sollen noch folgen!

In Oqaatsut leben nur 40 Menschen, aber deutlich mehr Schlittenhunde. Wir umrunden noch die Halbinsel, auf der das Dorf liegt, und wollen unter Berücksichtigung eines Mindestabstandes von 300 m, um den Besucher gebeten werden, unsere Zelte aufschlagen. Was wir dort am Ufer vorfinden, verschlägt uns aber in zweifacher Hinsicht den Atem. Auf einer flach zum Ufer hin abfallenden Felsplatte liegen die nicht mehr ganz frischen Überreste eines erst kürzlich erlegten Wals. Wie wir später erfahren, handelte es sich um einen 20 m langen Finnwal, der drei Wochen vor unserer Ankunft erlegt, dort angelandet und zerlegt wurde. Wirbelknochen und der Schädel blieben einfach liegen und verbreiten jetzt einen penetranten Verwesungsgeruch. Regelmäßige Gäste sind hier eine Hündin mit ihren halbwüchsigen Welpen, die sich an den Resten gütlich tun und dabei an unseren Zelten vorbeikommen. Vor ihnen ist nichts sicher. Eine faltbare Schüssel ist der Tribut, den wir zu zahlen haben, weil nicht alles im Zelt oder Boot verstaut wurde. Walfleisch steht nach wie vor auf dem Speiseplan der Einheimischen und so dürfen in der Diskobucht jährlich zwei bis drei Finnwale gefangen werden.

Uns bleibt keine andere Möglichkeit, wir müssen in der Nähe des Schlachtplatzes anlegen. Beim Versuch das schwere Boot über eine Felskante zu ziehen, bricht mir der Heckbeschlag ab, und die Steuerung hängt nur noch an den Seilen. Was nun? Ohne Steuerung ist der Yukon Expedition bei Wind und Wellen nur noch schwer beherrschbar, und wir hatten doch abgemacht, kein unnötiges Risiko einzugehen. Aber hatte unser Ratgeber auf dem Hinflug nicht vom "H 8" erzählt, einem Café und Restaurant, das von einem deutschen Paar bewirtschaftet wird? Schon von weitem sehen wir das Gebäude mit dieser Beschriftung auf dem Dach, die früher Piloten als Orientierungshilfe diente. Uta und Ingo aus Thüringen haben hier ein gemütliches Refugium geschaffen, das nicht nur von Touristen, sondern überwiegend von Einheimischen besucht wird. Ingo hat schnell eine passende Schraube gefunden, eine Bohrmaschine kann ich auch bei ihm leihen und so ist der Schaden am nächsten Tag weitgehend behoben, auch wenn die Reparaturmasse sich nicht mit dem PE verbindet, so daß ich von jetzt an immer ein wenig Wasser ins Boot bekomme; aber die Steuerung hält bis zum Schluß. Uta und Ingo präsentieren uns nicht ohne Stolz ihre eigenen Kajaks, mit denen sie selbst auch häufig unterwegs sind. Hans Memminger und seine Tochter haben sie nach einer Reise hier zurückgelassen.

Auf dem Weg zum Inlandeis

Die übrige Zeit ist einer Wanderung zum Inlandeis vorbehalten. Hierzu fliegen wir zurück nach Kangerlussuaq. Der Gedanke, für einen Teil der Strecke ein Taxi zu nehmen, um die Asphalt- und Schotterpiste zu vermeiden, wird bei einem Preis von 400,- dkr für acht Kilometer schnell wieder verworfen. Obwohl Kangerlussuaq nur 250 km südlich von Ilulissat liegt, gibt es hier eine völlig andere Fauna und Flora. Sind die Birken und Weiden im Norden höchstens kniehoch, ist das Gebüsch hier bis zu 2,50 m hoch. Und waren an der Disko Bucht die Polarfüchse die größten wilden Landtiere, leben hier viele Rentiere und 3000 - 4000 Moschusochsen. Ihnen begegnen wir auf unserem Weg zum Gletscher wiederholt. Während die Rentiere einzeln oder in kleinen Gruppen in der wüstenähnlichen (!) Landschaft des Sandflugtdalen gemächlich unseren Weg kreuzen, sehen wir die Moschusochsenherden nur am anderen Ufer des reißenden Akuliarusiarsuup Kuua, in dem die Schmelzwässer des Gletschers zum Fjord fließen. Schon wenn sie uns in 300 m Entfernung entdecken, ziehen sie sich sofort in die Berge zurück.

Der Weg zum Gletscher ist auf der Hauptroute nicht zu verfehlen. Das Inlandeis ist schon von weitem zu sehen und die Allradfahrzeuge haben tiefe Narben in die Vegetation gerissen. Als wir den Gletscher erreichen, will so recht keine Begeisterung aufkommen, reicht er doch weder in seiner Erscheinung noch vom Erlebniswert an die Gletscher heran, die uns im Kajak so faszinierten, und im nachhinein vor die Wahl gestellt, hätten wir wohl lieber einige Paddeltage drangehängt, als diese Wanderung zu wiederholen.

Die letzte Nacht auf Grönland verbringen wir auf einem kleinen Zeltplatz direkt am Rollfeld. Bei ungewohnter Dunkelheit landen wir gegen 22.00 Uhr in Kopenhagen. Die Zivilisation hat uns wieder. Was bleibt, sind die Erinnerung an einen unvergleichlichen Urlaub und eine unheilbare Krankheit, die "arctic bitten" genannt wird.

 

Text, Fotos: Jörn Tietje

 

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Informationen

Kontaktadressen

Greenland Tourism A/S
Postboks 1139, Pilestræde 52, DK 1010 København K, Tel. 0045/33136975, Fax 0045/33933883
Ilulissat Tourist Service A/S
Postboks 272, DK 3952 Ilulissat/Jacobshavn, Greenland, Tel. 00299/944322, Fax 00299/ 943933
eMail: info@its.gl
Internet: www.greenland-guide.gl/ilulissat.tourist
Greenland Tours Elke Meissner
Postboks 160, DK 3952 Ilulissat/Jacobshavn, Greenland, Tel. 00299/944411, Fax 00299/944511
eMail: greenland.tours@greennet.gl

Allgemeine Informationen

Anreise

Regelmäßige Flugverbindung von Kopenhagen nach Narsaq und Kangerlussuaq, Weiterflug mit Grönlandsfly in nahezu alle Orte möglich. Rechtzeitig buchen! Flüge können sich aufgrund der Witterungsbedingungen verschieben oder ausfallen!

Bootstransport
Royal Arctic Linieagentur A/S, Grönlandshavnen, Postboks 8100, DK 9220 Aalborg Øst, Tel. 0045/99203234, Fax 0045/ 99303065.

Wegen kurzfristiger witterungsbedingter Fahrplanänderungen unbedingt Termine bestätigen lassen!

Karten

Disko Bucht 1:250000, Wanderkarten Nordgrönland 1:100000 Ilulissat und Kangerlussuaq (auch für andere Orte erhältlich)

Karten bekommt man z.B. hier: www.nachnorden.de

Klima

Beste Reisezeit für Wander- und Kajaktouren in dem Gebiet an der Disko Bucht sind Juli und August mit Niederschlagsmengen von durchschnittlich 16 bzw.54 mm und Temperaturen von 6,7 bzw. 4,5° C. Die empfundenen Temperaturen liegen aufgrund der extrem niedrigen Luftfeuchtigkeit allerdings deutlich höher. Plötzliche Witterungsumschwünge sind möglich und erfordern eine flexible Bekleidung.

Währung

Die Dänische Krone (100 dkr = 27,51 DM) ist das amtliche Zahlungsmittel, gängige Kreditkarten werden in größeren Geschäften, Hotels und Restaurants akzeptiert. Achtung: Da fast alles von Dänemark nach Grönland gebracht werden muß, ist das Preisniveau sehr hoch!

Kommunikation

Inuktitut ist die Amts- und Umgangssprache, Dänisch wird von den meisten Menschen auch gesprochen, Englisch fast nur von den Jüngeren. Handys mit GMS-Standard können nicht verwendet werden. In den Ortschaften gibt es viele öffentliche Münzfernsprecher (Vorwahl nach Deutschland: 00949). Auf Kajaktouren empfiehlt es sich, einen Notfunksender oder UKW-Funkgerät mitzunehmen!

Gesundheitswesen

Bei Unfällen und in akuten Notfällen kostenlose ärztliche Versorgung in Krankenhäusern und Zahnarztpraxen.

Gefahren

In der Diskobucht gibt es keine Eisbären und Walrosse. Von Eisbergen und Gletschern muß ein großer Sicherheitsabstand gehalten werden, weil sowohl unter als auch über Wasser häufig Eis abbricht; dadurch entstehen z. T. hohe Wellen und die Eisberge drehen sich in eine neue Gleichgewichtslage. Unbedingt auf ausreichenden Sonnenschutz achten.

Mücken

Zahlreich und lästig - Mückenschutz kann vor Ort gekauft werden. Moskitonetze sind zu empfehlen.

Zelten

Fast überall erlaubt, in Ortschaften sollen ein 300 m Abstand zu den Häusern eingehalten oder ausgewiesene Campingplätze benutzt werden. Das Zelten ist nicht im Bereich von historischen Siedlungen gestattet.

Ausfuhrbestimmungen

In Grönland leben etwa 30 verschiedene Tierarten, die unter das Washingtoner Artenschutzabkommen fallen. Der Export von diesen Tieren oder Teilen hiervon ist verboten oder bedarf einer Genehmigung - hierunter fallen auch Souvenirs! Mit CITES-Genehmigung, vom örtlichen Zollamt (in der Post) abgestempelt, ist der Import von Souvenirs außer in den USA und Kanada überall zulässig.

Literatur

  • Wandern in Grönland, Torbjørn Ydegaard, Nordis Reiseführerverlag
  • Grönland mit Baffin Island, Michael Vogeley und Ingrid Ferschoth-Vogeley, Hrsg. Bruno Baumann, Bruckmann
  • DuMont Reiseführer Grönland, Sabine Barth
  • Grönland-Handbuch, Ulrike Koeppchen, Conrad Stein Verlag
  • Über die Geschichte Grönlands und das Leben der Inuit:
  • Der Sängerkrieg - Eskimosagen aus Grönland, Knud Rasmussen, Verlag Clemens Zerling
  • Mein Leben mit den Inuit, Fred Bruemmer, Frederking & Thaler
  • Im Bannkreis des Nordens, Hrsg. Jürgen F. Boden und Günter Myrell, Alouette Verlag