Von Flensburg nach Schleswig 2003

Mit wenig Aufwand das Maximale erreichen, so könnte das Motto für diesen Kurzurlaub lauten. Deshalb haben Jan und ich uns spontan entschlossen, von Flensburg nach Schleswig zu paddeln. Im Handumdrehen ist also unsere Ausrüstung im bzw. auf dem Auto verstaut und wenig später treffen wir auch schon am Bootshaus der Flensburger Paddelfreunde ein. Schnell aber sorgfältig beladen wir nun unsere Seekajaks und verabschieden uns anschließend bei unserer Mutter, die uns nach Flensburg gefahren hat.

Von Flensburg nach Egernsund

Windstill und glatt wie ein Ententeich präsentiert sich die Flensburger Förde an diesem Juliabend und so bedarf es keiner großen Anstrengung die fünfzehn Kilometer bis nach Egernsund zu paddeln. Wir haben uns bewusst dafür entschlossen auf der dänischen Seite der Förde zu paddeln, nicht nur weil die Campingplätze in Dänemark um Längen besser sind als diejenigen auf der deutschen Seite der Förde, sondern wir haben es auch vorgesehen, einen kurzen Abstecher nach Sonderburg zu unternehmen. Der Campingplatz in Egernsund ist uns schon bekannt, bereits vor fünf Jahren sind wir schon einmal dort gewesen und haben ihn in guter Erinnerung behalten. Für uns Kanuten ist es ja nicht unwichtig, dass sich der Platz direkt am Wasser befindet, die Boote also nicht weit geschleppt werden müssen und der Untergrund zum Zelten entsprechend geeignet ist. Diese Kriterien erfüllt der Campingplatz auch heute noch, aber so weitläufig und ruhig wie damals zeigt sich der Campingplatz heute bei unserer Ankunft leider nicht, na ja wie soll er auch, wir befinden uns mitten in der Saison und da ist es kein Wunder, dass die Stellplätze alle vollständig belegt sind und wir uns wohl oder übel mit dem letzten grünen Fleckchen begnügen müssen. Beim Gang zur Anmeldung, die allerdings schon geschlossen hat, fühlen wir uns wie in eine andere Welt versetzt, vor einer halben stunde war außer dem Eintauchen der Paddel und ein paar wenigen Möwen fast nichts weiter zu hören und jetzt? Jetzt tobt das wahre Leben! Kinder aus ganz Europa vergnügen sich lauthals auf dem Spielplatz, Hunde kläffen sich in unterschiedlichen Sprachen an, Mütter und Väter müssen nach langen Grillrunden Berge von Geschirr ohne Maschine sauber kriegen und hier und da stehen alte erfahrene Camper und beraten wohl darüber, wer den längsten Wohnwagen das beste Zugfahrzeug oder das teuerste Wohnmobil hat. Gott sei dank werden wir alle mal müde und so wird es irgendwann ruhiger. Noch bevor die Massen wieder munter werden sitzen Jan und ich am nächsten Morgen mit frischen Brötchen und dänischem Kuchen vor dem Zelt und freuen uns schon auf die heutige Etappe. Nach dem Bezahlen lassen wir gleich die Boote ins Wasser und ziehen los.

Rund um Broagerland

Die Attraktion des Sommers 2003 auf der Flensburger Förde ist zweifelsohne der Finnwal der hier momentan für Aufregung sorgt. Ein Boot mit Kamerateam fährt bestimmt nicht unseretwegen in geringer Entfernung an uns vorbei und wenig später ruft auch noch ein Segler aus Lübeck zu uns herüber und möchte wissen, ob wir schon etwas vom Wal gesehen hätten. Die ganze Zeit habe ich eigentlich nicht an dieses Riesentier gedacht und verdränge diesen Gedanken auch jetzt, denn so ganz traue ich dem Frieden mit so einem großen Tier nicht und bin froh, dass der Wal unter Wasser bleibt.

Vom achterlichen Wind begünstigt und mit der Sonne im Rücken macht das Paddeln heute ganz besonderen Spass, auch wenn die Wellen ruhig ein wenig höher sein könnten, denn zum Surfen reichen sie kaum, dennoch kommen wir flott voran. Jetzt, am Beginn der Außenförde weitet sich die Förde zu einer großen Wasserfläche mit der Geltinger Bucht im Süden und der Sonderburg Bucht im Norden. Jan und ich ändern hier unseren Kurs und halten uns unter Land und paddeln die Steilküste von Broagerland entlang und peilen den ersten Campingplatz an. Vom Boot aus macht die Anlage durchaus einen netten Eindruck, doch bei näherer Betrachtung beschließen wir ohne viele Worte zu verlieren, wieder in die Boote zu steigen und den nächsten Campingplatz anzusteuern. Der unfreundliche Campingplatzwart bekräftigt uns zu allem Überfluß noch bei unserem Vorhaben. Die folgenden zwei Gegenwindkilometer sind zwar nicht unbedingt bequem und erfordern einen beherzten Einsatz beim Paddeln aber am Ende werden wir mit einer hervorragenden Anlandemöglichkeit, einem unpazelliertem Campingareal, einer Zeltmöglichkeit in Ufernähe und einem freundlichen und sympatischen Empfangspersonal an der Rezeption entschädigt. Schnell steht das Zelt und nach einer erholsamen Dusche lassen wir den Tag mit einem schönen Essen vom Trangia-Kocher ausklingen.

Tagesausflug nach Sonderburg

Jeden Tag das Zelt abzubauen und die Boote zu beladen halten wir für nicht so gut und so paddeln wir heute ohne Gepäck nach Sonderburg hinein, um mal gemütlich durch die Stadt und am Hafen entlang zu schlendern. Unsere Kajaks parken wir solange am Sonderburger Kanu-Club. Sonderburg ist durchaus einen Besuch wert, am Hafen gibt es immer etwas zu gucken und die Innenstadt ist ebenfalls nicht uninteressant. In einem großen Supermarkt füllen wir noch schnell unsere Vorräte mit dänischen Spezialitäten auf und machen uns gegen Spätnachmittag wieder auf den Weg zu unseren Booten. Nachdem wir uns bei den sonderburger Kanuten für das „Parken“ unserer Boote bedankt haben, verabschieden wir uns noch bei ihnen und folgen nun dem Alssund, der unmittelbar durch Soderburg führt und in der Sonderburgbucht mündet. Unser Ziel, den Campingplatz Gammelmark können wir schon fast erkennen und so freuen wir uns schon auf die Ankunft und den dänischen Kuchen, der auch heute nicht länger aufbewahrt werden möchte.

Nach Schleimünde

Bis jetzt hat uns das Paddeln eigentlich so gut wie nichts außergewöhnliches abverlangt, wollen wir mal hoffen, dass es auch morgen so bleiben wird. Um vom Campingplatz Gammelmark nach Schleimünde zu kommen, müssen wir wohl oder übel die Flensburger Förde und die Geltinger Bucht queren. Bei Flaute ist das kein Problem, aber schon nicht viel Wind reicht hier aus, um das Kajakfahren zu einer heiklen Angelegenheit werden zu lassen. Na ja und was soll ich sagen, beim flüchtigen Blick in die Baumkronen während des Zeltabbaus ist leider unschwer zu erkennen, dass sich „dünne Äste biegen“. Als wir am späten Vormittag endlich in den Booten sitzen und unter Land bis nach Borreshoved paddeln, um von hier in Richtung Neukirchen weiterzupaddeln müssen wir noch nicht viel ausstehen, die Landabdeckung bietet ausreichend Schutz und lässt uns den Wind noch nicht spüren. Bevor wir die Querung wagen, muss ich allerdings noch einen technischen Defekt an meinem Kajak beseitigen. Eine Schraube an meiner Sitzaufhängung hat sich losgerödelt und nervte mich schon eine gewisse Zeit. Ruck zuck ist dieses Problemchen aus der Welt geschafft und wir schon wieder unterwegs. Um eines kurz vorweg zu nehmen, so richtig brenzlig wird die Querung der Förde und der Geltinger Bucht nicht aber dennoch ist es nicht angeraten, auf diesem Gewässer beim Paddeln an „Napfkuchen“ zu denken. Die Wellen zeichnen sich auf der Außenförde nämlich durch eine konstante Unregelmäßigkeit aus und verlangen schon nach einer sicheren Bootsbeherrschung. Kurz vor der Geltinger Birk löst sich meine Anspannung wieder, das Ufer ist wieder in beruhigende Nähe gerückt und die Wellen von achtern laufen wieder gleichmäßig unter unseren Booten hindurch.

Surfen auf der Geltinger Bucht

Jan konnte ich schon eine Zeit lang beim Wellenabsurfen beobachten und um das schönste beim Seekajakfahren nicht zu verpassen, wird es jetzt auch für mich höchste Zeit, einen Brikett nachzulegen, um die Wucht der Wellen richtig zu nutzen. Ich muss nicht lange warten und der erste gute Wellenwerg bringt mich und mein Kajak auf Höchstgeschwindigkeit. Das A und O beim Wellenabsurfen ist eigentlich nur die richtige Welle, die richtige Höhe und Länge selbiger, der richtige Zeitpunkt zum Gasgeben, die dazugehörige Kraft, von der man während der Beschleunigungsphase nie genug haben kann und ganz wichtig natürlich das sichere Beherrschen der Paddelstütze. Die Paddelstütze deshalb, weil die Stabilität beim Surfen teilweise sehr eingeschränkt ist und für die eine oder andere Überraschung gut ist. Verfügt das Kajak dann noch über eine anständige Steueranlage, und jetzt muss ich einfach mal den Kajakhersteller Pietsch & Hansen für seine hervorragenden Kajaks mit der bisher unübertroffen genialen Steueranlage loben, ist es möglich, jeder Welle hinterher zu jagen und immer in den Genuss der absoluten Höchstgeschwindigkeit zu kommen. Ob die Geschwindigkeit ordentlich war merkt man nicht nur daran, wie lange man nach einem heißen Wellenritt auf die Mitpaddler warten muss, sondern auch daran, ob während so eines Wellenritts die Steuerflosse automatisch einfährt oder das Boot anfängt zu vibrieren. Die Befürchtung, ob man sich dabei überschlagen kann, wenn der Bug in den nächsten Wellenberg eintaucht und der Folgende das Heck anhebt, ist, wenn man sich nicht gerade in einer Brandungszone befindet, unbegründet. Auch wenn ein Kajak voll beladen ist, ist ein Überschlag wohl nicht möglich. Und sollte der Bug, was im Eifer des Gefechts häufig vorkommt, in den nächsten Wellenberg eintauchen, kann man ruhig wie ein bekloppter weiterpaddeln, auch wenn sich das Vorderdeck vielleicht schon dreißig bis vierzig Zentimeter unter Wasser befindet, besteht kein Grund zur Panik, irgendwann ist der Wasserdruck so groß, dass an ein Vorwärtskommen sowieso nicht mehr zu denken ist und das Boot jetzt automatisch wieder an die Wasseroberfläche zurück kommt.

Mit dem Erreichen des äußersten Zipfels der Geltinger Birk wird das Wasser zunehmend flacher und nach der Umrundung von Birk Nack urplötzlich ungewohnt ruhig. Wir befinden uns jetzt auf der Ostsee und können nun wieder ganz entspannt unter Land Strecke machen. Das Ziel Schleimünde und natürlich die Giftbude haben wir bereits sinnbildlich vor Augen, doch ohne Pause zu machen, schaffen wir es aus wohl gut nachvollziehbaren Gründen nicht. Leider dauert die Pause nicht sehr lange, ein Regenschauer wirkt sich nachteilig auf unser Wohlbefinden aus und veranlasst uns deshalb dazu, weiterzupaddeln. Nach einer ganzen Weile zähen Dahinpaddelns können wir irgendwann endlich den Leuchtturm von Schleimünde in der Ferne erkennen und freuen uns schon darauf, in die Schlei einlaufen zu können. Müde, verschwitzt und hungrig erreichen wir schließlich den Hafen von Schleimünde und errichten nach einer bis hierher erlebnisreichen Tour wieder einmal das Zelt. Frisch geduscht und mit trockenen Klamotten am Leib wollen wir uns nach einem Gang um den Leuchtturm noch einen Augenblick mit in die Giftbude setzen und den Seglern zuhören, wenn sie vielleicht von ihren „Abenteuern“ auf dem Weg von Sonderburg nach Schleimünde berichten.

Von Schleimünde nach Schleswig

Bis nach Schleswig sind es nun, je nach Wind und Wetter, nur noch fünf bis sieben Stunden oder vielleicht sogar zwei Tage mit dem Kajak. Das sparen wir uns aber für übermorgen auf, Morgen ist erst mal wieder „Urlaub“ angesagt. Wenn wir in Schleswig am Bootshaus ankommen, werden wir über 130 Paddelkilometer ins Fahrtenbuch eintragen können, von denen jeder einzelne seine Mühe auf jeden Fall wert war.

 

 

Text, Fotos: Lasse Montag

 

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